Presse

Nach(t)kritik von Thomas Lochte, 19.09.2014

Choro De Saideira

Freier Eintritt, die brasilianische Flagge im Bühnenhintergrund und der Satz über einen Choro-Komponisten: “Seine Noten sehen aus wie Blaubeerkuchen.” Die nach der “Klassik” vom Mittwoch zweite musikalische Eröffnung der Spielzeit 2014/2015 ging die Sache ziemlich locker an – sozusagen deutsch-brasilianisch. Unter “Choro de Saideira” segelt seit einiger Zeit eine achtköpfige Formation gestandener Musiker, die sich vor zwei Jahren bei einem Workshop von Celia Malheiros für brasilianische “Choro”-Musik kennen-gelernt hatte. “Wir haben uns damals gedacht, das darf nicht das letzte Mal sein, dass wir zusammen auftreten”, erzählt Stefan Donderer, Gitarrist und treibende Kraft hinter dem fortgesetzten Projekt. “Choro” ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Musikstil, der sich aus brasilianischer Rhythmik und europäischer Melodik speist und jedenfalls den Workshop-Teilnehmern seinerzeit genügend Laune zum Weitermachen bereitete. “Beim Stichwort Brasilien erwarten die Leute immer Samba und Bossa Nova”, weiß Donderer, aber jenseits des touristischen Horizonts existiert schon sehr lange eine ganz andere, tief im Völkergemisch des Landes verwurzelte Musiktradition – eben der “Choro” (den man mit weichem “Sch” vorne aussprechen sollte). “Choro de Saideira” treten mit zwei Flöten (Piccolo und Querflöte), drei Akustik- bzw. Rhythmusgitarren, Geige und Mandoline sowie einem von Georg Wiedmann exzellent eingesetzten Pandeiro, einem brasilianischen Percussion-Instrument, und der von Hermann Kehrer gehüteten Cavaquinho an, der kleinen Samba-Gitarre. Aus all dem resultiert ein zumeist locker schwingender, sanfter Gesamtklang, der gleichwohl aus komplexen kompositorischen Bausteinen und gelegentlichen Rhythmus-Wechseln besteht – häufig geben die Flutes (Claudia Gondola Hackl, Herbert Schmelz) oder Hermann Kehrers Cavaquinho die melodiöse Richtung vor, während die bis zu drei Gitarren Andrea Bartsch, Hans Erdt und Stefan Donderer) meist die rhythmische Struktur liefern und eher selten hervor treten. Im Zusammenwirken mit den Flöten wiederum gibt Konstanze Maier an Geige bzw. Mandoline dem Ganzen dann noch eine Prise “Europa” hinzu oder simuliert mit gelegentlichen Pizzicati ein weiteres Zupfinstrument. Die im Bosco gespielten Stücke schlugen einen zeitlichen Bogen von 1900 bis 2006, so lange schon haben sich der “Choro”-Stil und seine jazzigen Spielarten stetig weiterentwickelt. Und die Geschichten, die manchem Stück zu Grunde liegen, haben es ebenfalls in sich: Seinem Zahnarzt widmete der Komponist Pixinguinha zum Beispiel die “Heldentaten von Zola” – er muss ihm wohl in den fünfziger Jahren aus schwerer Not geholfen haben. Ob fröhlich tänzelnd ein “Sapeca”, ein jugendlicher Zappelphilipp, musikalisch zum Leben erweckt wird (“Choros” waren vor allem seit den Dreißigern in Tanz-Cafés zu Hause) oder ob man mit diesem Musikstil eher melancholisch ein wenig “Saudade” (Weltschmerz) zum Ausdruck bringt, das weiche brasilianische Portugiesisch stimmt den Zuhörer schon mit dem Titel ein, ohne dass unbedingt gesungen werden müsste: “Gustosinho”, Leckerchen, heißt so ein Stück, das als eine von mehreren Zugaben gespielt wird und seinem Namen wirklich alle Ehre macht: Man stellt sich jemanden in der Küche beim beschwingten Naschen vor. Die Leute schmolzen schier dahin bei all diesen luftig daher kommenden Leckerbissen – zum Spielzeit-Auftakt war genau das Richtige serviert worden – ein brasilianisches Musik-Soufflé.